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Die Entwicklungsphasen des Welpen

Die Mutterhündin sollte die Trächtigkeit stressfrei und sozial gesichert durchleben. Ist das nicht der Fall, steigt das Hormon Cortisol im Blut an, das über die Plazenta zum Welpen gelangt und dort ein Wachstum des Stresszentrums im Gehirn verursacht. Solche Welpen sind lebenslang anfälliger für Stress.

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge wirkt es sich sehr positiv aus, wenn die Welpen in den ersten Lebenstagen vom Menschen aufgenommen und gestreichelt werden. Solche Welpen öffnen früher die Augen, das Fellwachstum setzt früher ein, sie können früher geradeaus kriechen, sie bekommen ein widerstandsfähigeres Immunsystem, werden in der Folge weniger krank und sind stressresistenter.

Ebenso wichtig ist die gute Versorgung durch die Mutterhündin, die Säugen, Körperpflege (Belecken) und Umsorgung wie z. B. Körperkontakt zum Wärmen der Welpen einschließt. Durch diese Umsorgung wird die Zellteilung im Stresszentrum des Gehirns unterdrückt, d. h. es bleibt kleiner und weniger ansprechbar. Zusätzlich wird bei den Welpen das Hormon Oxytocin (Bindungs- und Vertrauenshormon) ausgeschüttet, was eine lebenslange höhere Empfindlichkeit des Gehirns für dieses Hormon zur Folge hat und damit die Bereitschaft zur Bindung (auch an den Menschen) erhöht.


1. Neonatale Phase (1. bis 2. Lebenswoche) = Neugeborenenphase

Der neugeborene Welpe ist ein Nesthocker und bedarf der Fürsorge der Mutterhündin. Er kann Wärme empfinden und durch Pendelbewegungen mit dem Kopf das Gesäuge der Mutterhündin orten. Ansonsten beschränken sich seine Aktivitäten auf die Milchaufnahme und das Schlafen. Er kann nicht sehen, hören, die Körpertemperatur regulieren oder Kot und Urin willkürlich absetzen.

2. Transitorische Phase (3. Lebenswoche) = Übergangsphase
Das Nervensystem des Welpen ist nun ausgebildet und er kann sehen, hören und riechen sowie selbständig Kot und Urin absetzen. Auch seine Körpertemperatur kann er weitgehend selbst regulieren und die Koordination der Muskulatur nimmt ständig zu.

Auch in dieser Phase hat der Züchter schon Aufgaben. Das beginnt mit der Überwachung des Säugens und reicht bis zur Schaffung optimaler Umweltbedingungen. Dabei ist die übermäßig behütete Aufzucht ebenso falsch wie gar keine Fürsorge.Die Welpen müssen lernen, sich einen Platz am Gesäuge zu erkämpfen, wobei der Züchter schon steuern kann dass die größten Welpen nicht ausschließlich an den ergiebigsten Zitzen saugen.Der Einsatz einer Rotlichtlampe als Wärmequelle hat ausschließlich negative Folgen. Die Welpen trocknen aus, die Mutterhündin meidet diesen Ort weil es zu warm ist, das wichtige Kontaktliegen entfällt und die so aufgezogenen Welpen bleiben hinsichtlich ihrer Möglichkeiten zur Regulation der Körpertemperatur lebenslänglich unter dem Optimum. Ein Raum, der sich nicht auf 20°C heizen lässt, ist als Standort für eine Wurfkiste ungeeignet!


3. Sozialisierungsphase (3. – 16. Lebenswoche)

In dieser Phase erlernt der Welpe den Umgang mit Sozialpartnern, d. h. anderen Hunden und auch den Umgang mit uns, dem Menschen. Erhält er keine Gelegenheit dazu, bleibt er immer ein Einzelgänger, der nur schwer integrierbar ist. Es kommt darauf an, in Form von Welpenspielen Sozialverhalten zu üben und eigene Strategien zu entwickeln.Werden in dieser Phase keine entsprechenden Reize angeboten, bleibt die „Festplatte“ leer und kann noch etwa bis zum 4. Lebensmonat gefüllt werden. Dann schließt sich dieses Fenster zunehmend.Jetzt sollten die Welpen unter der Aufsicht des Züchters möglichst viele, unterschiedliche Menschen (Geschlecht, Alter) kennen lernen. Auch die Begegnung mit anderen (verhaltenssicheren) Hunden und anderen Tieren (auch Jagdbeute) ist wichtig. Die Begegnung mit Kindern sollte kontrolliert erfolgen, um negative Erlebnisse auf beiden Seiten und ihre Langzeitfolgen zu vermeiden.


Von herausragender Bedeutung ist die Rolle der Mutterhündin. Ihr Verhalten setzt Maßstäbe für das Verhalten ihrer Kinder (Angst vor fremden Menschen, vor Gewitter, Unruhe im Zwinger usw.). Die Autorität der Hündin darf nicht angetastet werden, ihre Erziehungsmaßnahmen sind für das spätere Sozialverhalten der Welpen sehr wichtig. Wird die Hündin zu früh und permanent von ihren Welpen getrennt, kann sie diese Aufgaben nicht wahrnehmen.

Über den Fang fassen durch die Mutterhündin als Erziehungsmaßnahme

Der Züchter ist gut beraten, die Stärken der Mutterhündin auszunutzen und sie in den Prozess der Verhaltensentwicklung einzubinden. Dazu gehört z. B. der Ausflug ins Revier ab etwa der 6. Lebenswoche – Autofahren in Begleitung der sicheren Mutterhündin. Die Hündin führt die Welpen im Revier an Unbekanntes heran und prägt sie. Unterschiedlicher Bewuchs, Wasser, Wetterlagen etc. werden zur natürlichsten Sache der Welt.

Fahrt mit der Mutterhündin ins Revier

Das erste Mal am Wasser
Die Gewöhnung an die unbelebte Natur bezeichnet man als Habituation.

Im Zusammenhang damit entwickelt sich das Gefühl der Angst. Bis zur 6. Lebenswoche sind die Welpen neugierig, erst ab dem 49. Lebenstag tritt Angst (Gefahrmeideverhalten) hinzu.

Die 8. Lebenswoche ist aus verhaltensbiologischer Sicht ein geeigneter Zeitpunkt zum Wechsel des Welpen in sein neues zu Hause. Jetzt ist der neue Besitzer gefordert, die Verhaltensentwicklung fortzusetzen. Der Besuch von Welpengruppen hat sich dabei sehrbewährt.Damit der Welpe sich gut einlebt, sollte ihm etwas gewohntes Futter und eine Decke aus der Hütte mitgegeben werden. Die Fütterungszeiten sollte der neue Besitzer kennen und zunächst einhalten. Die Umgewöhnung erfolgt umso reibungsloser, desto mehr sich die neuen Menschen mit dem Welpen beschäftigen können. Der Urlaub ist eine gute Gelegenheit dazu.

Sensible Phase (21. Lebenstag bis 15./16. Lebenswoche)

Jetzt wird die Umwelt für das zukünftige Verhalten des Hundes wichtig. Es wird der Grundstein für spätere Verhaltensmuster gelegt. Sozial- und Umwelterfahrungen, die der Welpe jetzt nicht machen kann, führen zu so genannten Deprivationsschäden, die durch Entzug oder Vorenthaltung von Erfahrungen entstehen und den Hund lebenslang begleiten.Dazu gehört auch die soziale Unsicherheit, die sich in Angst oder Aggression gegenüber Menschen oder anderen Hunden äußern kann, oder Schreckhaftigkeit und Angst gegenüber normalen Umweltreizen.

Bei der Verhaltensentwicklung in dieser Phase ist der Züchter, aber auch der neue Eigentümer gefordert. Die Entwicklung erfolgt in rasantem Tempo, ist unwiederbringlich und unumkehrbar. Der Welpe durchlebt eine Phase besonderer Lernbereitschaft, die in seinem Leben einmalig ist. Alle Eindrücke, die der Welpe in dieser Phase hat, werden gleich ins Langzeitgedächtnis aufgenommen. Verpasste Verhaltensentwicklung ist nicht nachholbar und spätere Bemühungen sind langsam und mühselig. Der Welpe sollte viele Situationen kennen lernen, möglichst oft mitgenommen werden und unter der Kontrolle des Züchters bzw. neuen Eigentümers Erfahrungen machen.

Negative Begegnungen mit Menschen führen zu einer lebenslangen Zurückhaltung, positive Erfahrungen mit Umweltsituationen (z. B. Wasser) führen zu einem lebenslänglich wasserfreudigen Hund.

Die Verhaltenentwicklung ist eng gekoppelt an die Entwicklung des Gehirns. Vernetzungen entstehen, die lebenslänglich erhalten bleiben. Aber sie entstehen nur, wenn die Umwelt ein Verhalten herausfordert. Das bedeutet für den Züchter, dass er die Welpen einer Vielzahl unterschiedlicher Umweltreize aussetzen muss. Das ist besonders bei Winterwürfen nicht leicht, da die Aufzucht in geschlossenen Räumen naturgemäß besonders reizarm ist.

Dass der zukünftige Eigentümer des Welpen ab der 3. Lebenswoche Zugang zu Welpen und Mutterhündin in der Aufzuchtanlage haben sollte, ist eigentlich selbstverständlich. Zum einen kann der Welpenkäufer sich ein Urteil über die Qualität der Aufzucht machen, zum anderen kann der Züchter erkennen, wie der Betreffende mit den Hunden umgeht, wie intensiv er sich um das neue Familienmitglied bemüht und kann entsprechend beratend eingreifen. Der Verkauf von Welpen über den Gartenzaun unter Vorschub hygienischer Gründe oder anderer Ausreden ist das Letzte!